Etwas über Johann Wolfgang von Goethe.

Goethe-Kalender aus dem Jahr 1906. Seite 112. Zeichnung: Goethe im 83. Lebensjahr.
Goethe-Kalender aus dem Jahr 1906. Seite 112. Zeichnung: Goethe im 83. Lebensjahr.

Aus: Goethe-Kalender aus dem Jahr 1906. Hrsg. Otto Julius Bierbaum (und ab 1910: C. Schüddekopf - mit Schmuck von E. (Emil) R. (Rudolf) Weiß) Taschenbuch, 1905, S. 97 und S. 98:

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Zitat aus dem Kalender:

 

 

"Gegen Ende April 1813 hörte Goethe in Leipzig den als Deklamator reisenden Theodor von Sydow das folgende [...] Gedicht [...]:

 

Ich habe gelacht, nun lach´  ich nicht mehr!

Was ist´s auch mit all´ unsern Freuden!

Ein Augenblick ändert den Sinn,

Dann ist die Berauschung dahin.

Des größten Glückes ist würdig nur der,

Der dem Unglück trotzt.

Ich habe gelacht, nun lach´ich nicht mehr!

 

Ich habe geweint, nun wein´ ich nicht mehr!

Was ist´s auch mit all´ unsern Leiden?

Sie heben die Seelen, wie Tropfen

Des Thaues die Pflanzen , empor.

Wenn wirklich Leiden dich drücken,

So klag`es nicht Menschen nur Gott.

Ich habe geweint, nun wein´  ich nicht mehr!

 

Ich habe geliebt, nun lieb´ ich nicht mehr!

Vertrauend auf Worte und Schwüre

Und schuldlos ehrliche Augen,

Betrog mich bald Mädchen, bald Freund.

Du bauest auf Sand, wenn auf Liebe

und Freundschaft dein Glück du bauest.

Ich habe geliebt, nun lieb´ ich nicht mehr!

 

Ich habe geschwärmt, nun schwärm´ ich nicht mehr!

Ich wähnte, mein Freund sei ein Engel

Und meine Geliebte ein Seraph:

Ach, aber es war nur ein Traum.

Die Täuschung entfloh mit Jahren,

Und Engel und Seraph verschwand.

Ich habe geschwärmt, nun schwärm´ ich nicht mehr!

 

Ich habe gehaßt, nun hass` ich nicht mehr!

Geschmeichelt zuvor, dann verraten,

Verachtet, verkannt und betrogen

Hat Freund und Geliebte mich oft.

Nur Eigennutz fesselt die Menschen:

Er ist ja ihr Liebling, ihr Gott.

Ich habe gehaßt, nun hass` ich nicht mehr!

 

Ich habe gehofft, nun hoff`ich nicht mehr!

Bald schlürf ich die Neige des Lebens,

Wie bitter sie schmecke, hinunter

Und grabe mir ruhig ein Grab.

Hienieden wird`s ewig nicht nicht anders,

Wie`s Jenseit ist, werde ich sehen.

Ich habe gehofft, nun hoff´`ich nicht mehr!

 

 

 

Dem [...] Werke verdanken wir das prachtvolle Gesellschaftslied "Gewohnt, getan", das Goethe bereits am 3. Mai seinem Freunde Zelter zur Komposition für dessen Liedertafel nach Berlin sandte:

 

 

 

Ich habe geliebet; nun lieb`ich erst recht!

Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht,

Erst war ich der Diener von allen:

Nun fesselt mich diese charmante Person,

Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn,

Sie kann nur allein mir gefallen.

 

Ich habe geglaubet; nun glaub`ich erst recht!

Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht,

Ich bleibe beim gläubigen Orden;

So es oft und so dunkel es war:

In drängenden Nöten, in naher Gefahr,

auf einmal ist´s  lichter geworden.

 

Ich habe gepfeifet, nun pfeif´ ich erst gut!

Bei heiterem Sinne, bei fröhlichem Blut

Ist alles an Tafel vergessen.

Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort;

Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort,

Ich kost` und ich schmecke beim Essen.

 

Ich habe getrunken, nun trink` ich erst gern!

Der Wein, er erhöht uns, und macht uns zum Herrn,

Und löset die sklavischen Zungen.

Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß;

Dann schwindet der älteste Wein aus dem Faß,

So altern dagegen die Jungen.

 

Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt,

Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt,

So drehen wir ein sittiges Tänzchen.

Und wer sich der Blumen recht viele verpflicht,

und hält auch die ein´ und die die andere nicht,

ihm bleibet ein munteres Kränzchen.

 

Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht;

Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht,

den kitzeln fürwahr nur die Dornen.

So heute wie gestern, es flimmert der Stern;

Nur halte von hängenden Köpfen dich fern,

Und lebe dir immer von vornen!

 

 

*   *   *

 

 

Wisse, dass mir sehr mißfällt,

wenn so viele singen und reden!

Wer treibt die Dichtkunst aus der Welt?

                                          Die Poeten!"

 

 

 

 

 

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Goethe-Kalender aus dem Jahre 1906. Titelbild. Impressum. Die Seiten 97 und 98. Über die Bedeutung schlechter Kunst in Bezug zur Enstehung des Gesellschaftsliedes "Gewohnt, getan" von J. W. v. Goethe
Photographien (2019) vom Original aus dem Jahre 1906
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Kommentare: 2
  • #1

    Carla (Montag, 18 November 2019 11:41)

    Danke für teilen. Ich kann die alte Schrift im Download nicht lesen.

  • #2

    Rika Rein (Montag, 18 November 2019 12:57)

    Liebe Carla,
    oben im Blogartikel kopiere ich dir den Text in moderner Schrift.
    Viel Freude beim Lesen. Rika